Fünfzehnter Tag: Dienstag, 11.4.95

Logbucheintrag vom 11.4., 21:00, im Bett

Dieser Eintrag ist etwas kürzer, denn ich habe ihn schon einmal geschrieben und versehentlich gelöscht. Also nochmal.

Die Jugendherberge in Stirling ist wirklich gut. Das Vierbettzimmer hat eine eigene Dusche und eigene Toilette, auf die Weise können sie locker auf die überkommene Männer-Trakt/Frauen-Trakt-Einteilung verzichten. Die Dusche kennt zwar auch nur eine Temperatur, aber diesmal ist es wenigstens die richtige - und es tröpfelt nicht bloß ätzend lagsam heraus. Außerdem gibt es die Küche zur allgemeinen Benutzung und einen Aufenthaltsraum mit Fernseher. Das Frühstück war okay: Zwei Brötchen, Marmelade, Cornflakes oder Rice Crispies oder Müsli (wobei ich mich frage, wie ein Brite letzteres aussprechen würde). Dazu Käse (oder Schinken). Und natürlich Tee oder Kaffee, soviel man möchte.

Wir verließen die Stadt und fuhren zuerst nach Culross (sprich "Kuhross") am Nordufer des Firth of Forth; die Stadt wird als eine der besterhaltenen "mittelalterlichen" Orte Schottlands beschrieben. Aber wir konnten nicht in den "Palast", und überhaupt war es recht diesig und wenig eindrucksvoll. Ganz nett der Spaziergang hoch zur Culross Abbey, aber alles in allem hätten wir uns den Weg auch sparen können. Bei besserem Wetter hätte man von Culross aus auch schon die Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth sehen können. Naja.
Kleine Predigt in Culross Abbey :-)

Über die Forth Road Bridge (40p Maut) erreichten wir innerhalb einer guten halben Stunde Edinburgh. Dort suchten wir in Erinnerung der guten Erfahrungen von Stirling zunächst die Jugendherberge (genauer, eine der Jugendherbergen) auf - leider komplett besetzt. Eine christliche Herberge in der Nähe nimmt nur Frauen und Ehepaare auf (ich hatte an dieser Stelle eine christenfeindliche Bemerkung untergebracht, doch Claudia fand sie unfair), aber das hätten wir ohnehin nicht über uns gebracht. Wir stellten das Auto am Rande der Stadt ab und liefen hinein (rund 20 Minuten bis zur Stadtmitte, vielleicht gibts bessere, aber wir hatten keine Lust zum Suchen).

Zuerst statteten wir der Royal Scottish Contry Dance Society einen Besuch ab; Claudia hatte einem Bekannten versprochen, seine Mitgliedsgebühr dort zu entrichten. Mannomann, handgeführte Mitgliederkartei, gibt es sowas noch! Danach besuchten wir die Edinburgh Dungeons, eine zwei unterirdische Stockwerke umfassende Ausstellung über Foltermethoden und Hinrichtungs-Stories (gelobt sei die Religion, ohne die die Anzahl der Exponate sicherlich nur halb so groß gewesen wäre). Einige Stücke haben sie sogar aus dem "famous Nuremberg museum" oder so.

Wir hatten inzwischen (da wir vom Westen her kamen) den imposanten Castle Hill erreicht, der ungefähr den Anfang der Innenstadt markiert. Von hinten stiegen wir hinauf, entschieden uns oben aber doch dafür, die 5.50 Eintritt (über DM 12,-!) einzusparen.

Dann liefen wir die "Royal Mile" entlang. Nicht-Edinburgh- Kennern sei gesagt, daß die Innenstadt im wesentlichen aus zwei in West-Ost-Richtung verlaufenden Straßen besteht; die nördliche davon ist die Princes Street mit vielen Kaufhäusern und Bekleidungsgeschäften; südlich die Royal Mile, eigentlich meherere ineinander übergehende Straßen, vom Edinburgh Castle (im Westen) bis zum Palace of Holyroodhouse (im Osten). Zwischen beiden befindet sich ein Tal, in dem die Eisenbahngleise und ein Park liegen. Am östlichen Ende des Tals sind der Hauptbahnhof (Waverley Station) und ein Einkaufszentrum gleichen Namens. Hier findet man außerdem das Tourist Information Centre. (Wem das nicht reicht, der kann sich auch einen Innenstadtplan oder das Bild in groß anzeigen lassen.)

Zurück zum Tagesverlauf: Wir verließen auf halbem Wege die Royal Mile und überquerten besagtes Tal, um die Hauptpost zu erreichen, wo Claudia auch wirklich das gewünschte Geld von ihrem Postsparbuch abheben konnte. Danach ging es noch zu einem Buchladen, in dem Claudia ein "Pilling" erwerben wollte; das ist ein Buch mit symbolhaften Anleitungen zu den verschiedenen schottischen Volkstänzen, von der RSCDS verpönt, aber mir scheint, daß selbst die Profis für den Notfall eins griffbereit haben. Da es nun schon etwa vier Uhr war, beschlossen wir, uns zuerst eine Unterkunft am Stadtrand zu suchen und dann noch einmal wiederzukommen. Etliche Läden abklappernd, machten wir uns auf den Weg zum Auto.

Ganz schön teuer, die Unterkunft in Edinburgh - wir mußten recht weit nach draußen fahren, um etwas für 15.00 zu bekommen! Das war dann aber auch eine recht große Hütte, eher ein Herrschaftshaus (um die Jahrhundertwende). Zwei Bäder für die Gäste (später stellte sich heraus, daß das auch nötig war - bei sieben Personen insgesamt), aber nur ein Teekocher für alle.

Claudia und Ela wollten bei einem "Ghost Walk" mitmachen; man trifft sich mit einem geschulten Führer, wird durch Teile der Altstadt geschleift und kriegt "echte" Gruselgeschichten aus der Vergangenheit der Stadt dargeboten; das ganze kostet (inklusive Getränk danach) vier Pfund für Studierende. Ich hatte keine Lust, also fuhren die beiden mit dem Bus in die Stadt, während ich fernsah und ein paar Artikel für diese Serie hier schrieb. Es muß aber recht gut gewesen sein, sie kamen drei Stunden später äußerst belustigt wieder. Der Walk war einer von denen, die am Mercat Cross (St. Giles-Kathedrale) starten und nicht vor der Tourist Information am Waverley-Einkaufszentrum - nur, falls ich es noch nicht allen vermiest habe (Beginn 20:00, Dauer rund 1 1/2h, nicht viel zu laufen, mit anschließendem Pub-Besuch, wobei ein Getränk im Preis enthalten ist; geht man nicht mit ins Pub, kostet es ein Pfund weniger, aber die paar Mark sollte man schon investieren, weil es ein recht gelungener Abschluß ist und man noch weitere Gruselgeschichten erzält bekommt).

Sorry übrigens, wenn ich nicht so viel über die Sehenswürdigkeiten schreibe, aber die haben Claudia und ich schon vor zwei Jahren abgeklappert, oder der Eintritt war uns zu teuer (man kann in Edinburgh locker 60, 70 Mark pro Nase an einem Tag loswerden, nur für Eintritt). Dazu gibt es ja auch genug Literatur...


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  Frederik Ramm, 2001-04-28